Die heute gestartete Wochenaktion von Frau Blasebalg fragt nach meiner

Tja, um dazu etwas zu sagen, muß ich erst mal in die nähere Vergangenheit gehen. Vor einen halben Jahr ist mein Mann gestorben - ziemlich unerwartet. Ja, er war krank, aber da er ja nicht zum Arzt ging, wußte niemand - vermutlich nicht mal er selber - wie ernst. Gestorben ist er im KH, nachdem ich ihn fast gezwungen hatte zum Arzt zu gehen und ebenso hab ich ihn fast gezwungen auf den Arzt zu hören und ins KH zu gehen. Es war das Herz, soviel weiß ich - mehr konnte ich nicht erfahren und eigentlich will ich es auch nicht mehr wissen. Es würde ja nichts ändern, zu wissen, warum. Mein Mann war nicht wirklich alt - im nächsten Monat wäre er 52 geworden und er starb wenige Tage nach meinem 45. Geburtstag. Wir hatten noch einiges vor. Wie oft sagt man, wenn die Kinder groß sind ..., wenn nichts unverhofftes passiert und wir das Geld aufbringen können .... , wenn, wenn, wenn... All unsere "Wenns" sind an diesem Tag mit gestorben.
Für mich hat da die Zukunft neu begonnen, in der ersten Zeit eigentlich jeder Tag - geplant wurde gar nichts, nur grad das Nötigste (Beerdigung, Traueranzeigen, Danksagungen). Sohnemann ging zur Schule, ich war zu Hause. Dank vielen Karten, vielen Gesprächen mit einer sehr lieben Freundin und einigen Strickleitern (es konnte gar nicht schwierig genug sein, was auf die Nadel kam) bin ich nicht in dem tiefen Loch versunken, in das ich gefallen war. Drei Wochen später hatte Sohnemann eine lange geplante Klassenfahrt, an der er teilnehmen wollte. Das hieß für mich, ich wäre den ganzen Tag allein zu Hause gewesen, niemand der nachmittags von der Schule kam. Das war der perfekte Zeitpunkt, wieder arbeiten zu gehen. Und genauso hab ich es gemacht und es hat wunderbar geklappt. Die Kollegen ließen mich weitgehend in Ruhe - jedenfalls die erste Zeit. Irgendwann meinte dann jeder, sein Beileid ausdrücken zu müssen und fragte "Wie gehts dir denn?" "Gut" oder "Es muß" - waren meine Antworten - und damit waren weitere Fragen in der Richtung gleich abgeblockt. Zum Reden hab ich andere Leute, nicht die "neugierigen" Kollegen, die sonst auch nur "Morgen" oder "Hi" sagen, wenn man sie auf dem Flur trifft.
Heute ist Zukunft immer noch das unentdeckte Land (Star Trek), ich plane zwar, aber nie allzuweit ins Vorne. Manches plane ich, und muß es dann aufgeben. z. B. das Umräumen des Büros - das war der Bereich von meinem Mann. Ich kann nichts umräumen, wenn ich schon Alpträume habe, wenn ich lediglich die alten Zeitschriften aus dem Raum entsorgt habe. Also steht noch immer der Plan, das Büro umzuräumen, aber es ist nicht mehr an einen festen Zeitpunkt gebunden. Ebenso habe ich alte Pläne beibehalten oder fast allein um gesetzt. Z. B. das Treffen bei Socki, da meine liebe Freundin Doris Zeit hatte mitzukommen, bin ich ja nicht ganz allein gefahren. Es ist irgendwie gar nicht aufgefallen, dass da eigentlich mein Mann dabei gewesen sein sollte. Es war ein super Nachmittag und Abend, mit viel Lachen und Spaß und futtern und und und. Nur gestrickt oder gehäkelt haben wir lange nicht so viel wie geplant.
An Kartenlegen oder Horoskope glaube ich nicht, es kommt was kommt und wir müssen sehen, dass wir das Beste daraus machen. Selbstverständlich kann jeder seine Zukunft auch bis zu einem gewissen Grad selber gestalten. Mit einigen Sachen muß man sich leider einfach abfinden, oder lernen damit zu leben.
Für mich ist die Zukunft im Augenblick total offen. Gott sei Dank ist mein Glas immer halb voll und nicht halb leer, daher macht mir die Zukunft wenigstens keine Angst. Ich warte einfach ab und trinke Cappu.